Produktions- und Lieferengpässe im Pharmamarkt: Krise oder Chance?

Veröffentlicht am: 29. Dezember 2022

Out-of-Stock

Es ist ein Thema, das derzeit die ganze Branche beschäftigt: die Verfügbarkeit von Rohstoffen, Verpackungsmaterial und Fachkräften sowie daraus resultierende Schwierigkeiten bei der Lieferung und Produktion. Doch wie kommt es überhaupt zu den aktuellen Engpässen? Was machen Konsument*innen, wenn ein Präparat ihrer Wahl nicht verfügbar ist? Was bedeutet das für die pharmazeutischen Unternehmen und mit welchen Herausforderungen sehen sie sich in Zukunft konfrontiert?

Zusammen mit den Marktforschungsexperten von Appinio haben wir im Rahmen unseres 3. Healthcare Reports erneut die Nutzung digitaler Gesundheitsangebote in Deutschland untersucht. Die repräsentative Studie ergab, dass rund ein Drittel der befragten Käufer*innen bereits von Out-of-Stock (OOS) Situationen betroffen gewesen sind.

 

 

Ursachen für Lieferengpässe

Die Gründe für derartige Engpässe sind vielfältig. Vorab sei vermerkt, dass es zwischen Lieferengpässen (eine länger als zwei Wochen anhaltende Unterbrechung einer gewohnten Auslieferung bzw. wenn die Nachfrage das aktuelle Angebot überwiegt) und sogenannten Versorgungsengpässen (wenn sogar gleichwertige alternative Arzneimittel nicht verfügbar sind) zu unterscheiden gilt. In diesem Blogbeitrag thematisieren wir die Lieferengpässe und Störungen in der Wertschöpfungskette.

 

Ein wichtiger Grund für die Knappheit in der pharmazeutischen Industrie ist eine unerwartet starke Nachfrage aufgrund einer besonderen Krankheitswelle. Die Produktion kann dann oft nicht so zügig gesteigert werden wie notwendig. Folglich übersteigt die Nachfrage das verfügbare Angebot.

 

Zudem können neuartige gesetzliche Bestimmungen die Herstellung hindern oder verlangsamen, wenn diese Änderungen der Produktion zur Folge haben. Auch kann es zu fehlerhaften Produktionen und Mängeln kommen, sodass eine Herstellung es nicht in den Verkauf schafft. Ebenso können Maschinen ausfallen — eine Verzögerung ist da vorprogrammiert.

 

Darüber hinaus gibt es weitere, externe Faktoren, die zu Lieferengpässen führen. So sind es oft auch Zulieferer, die einen Wirk- oder Grundstoff nicht rechtzeitig ausliefern. Die Folge: Der Wirkstoffvorrat ist nicht ausreichend gedeckt und die Herstellung kommt ins Stocken.

 

Störungen in der Lieferkette sind ein großes Problem. „Nach Schätzungen werden mittlerweile mindestens 80 bis 90 Prozent aller Antibiotika in China und Indien hergestellt.“ Wenn auf der Zustellung dann Probleme auftreten (verkeilte Containerschiffe oder der auf Grund gelaufene Tanker im Suezkanal sind dafür prominente Beispiele), kann es zu wochenlangem Rückstand in der Lieferung kommen.

 

Preisunterschiede zwischen Ländern können ein Faktor sein: Parallelexporteure können Medikamente beispielsweise in Deutschland aufkaufen und in einem anderen EU-Land vertreiben, wenn der deutsche Preis niedriger ist.

 

Eine weitere Ursache für Engpässe im Pharmamarkt: der Kostendruck im Gesundheitswesen. Krankenkassen führen Rabattverträge mit pharmazeutischen Herstellern. Die haben zur Konsequenz, dass das Preislevel der Medikamente zunehmend sinkt.

Challenges für den Pharmamarkt

Kritische Rohstoffe und der Bereich Energie zählen zu den größten Herausforderung bei den Medikamentenengpässen in der Pharmaindustrie: Fehlende Wirkstoffe können zu massiven Umsatzproblemen führen, gleichzeitig steigen die Produktionskosten stark an. Gas und Strom haben eine erhebliche Preissteigerung erfahren. Zudem muss das fertige Produkt verpackt werden — Kartonagen und Faltschachteln sind aber ebenso Mangelware. Aufgrund von Corona herrscht zudem in vielen Bereichen ein Fachkraftmangel.

 

Dazu gesellt sich die große Herausforderung für Unternehmen, dass die Marktentwicklung immer weniger planbar wird. Ein Exkurs: Im Jahr 2020 waren einige der Kernmärkte im deutschen Versandhandel weitestgehend vorhersehbar. Die Abbildung zeigt den tatsächlichen Verlauf der monatlichen OTC-Versandhandelsumsätze im deutschen Erkältungsmarkt (Teilmarkt Cold & Cough) im Jahr 2018 und 2019 und den Forecast 2020 und 2021, der darauf basiert.

 

Heute wissen wir: Die Umsatzentwicklung ist von diesem Forecast 2020 / 2021 teilweise deutlich abgewichen. Die reale Marktentwicklung ist geprägt durch externe Faktoren und kann somit kaum mehr prognostiziert werden. Das erschwert die Planbarkeit für pharmazeutische Unternehmen und erschwert ihnen, für weitere Verknappung und Engpässe entsprechend gerüstet zu sein. 

 

 

 

 

Risikomanagement

Herausforderungen gibt es reichlich, aber es tun sich auch Möglichkeiten auf, diese zu meistern und Prozesse zu optimieren. Risikomanagement ist ein wichtiges Stichwort. Es ist ein essentieller Bestandteil einer Unternehmensstrategie, um potenzielle Schäden, Gefahren und Risiken sichtbar zu machen, zu bewerten und sich auf diese proaktiv einzustellen. Die Bevorratung ist dafür ein Beispiel: Das Anlegen eines ausreichenden Vorrats an Wirkstoffen, der über den Bedarf in der üblichen Produktion hinaus geht. Bei Bedarf kann hierauf zugegriffen werden. Ein weiteres Beispiel: Die Planung eines anders gearteten Schichtbetriebs kann helfen, eine Produktion kurzfristig hochzufahren. Risikomanagement betreibt man auch, indem die Kommunikation mit Lieferanten und Dienstleistern gepflegt bzw. optimiert wird. In Krisenzeiten können sich gute Partnerschaften bezahlt machen.

 

Sich präventiv auf Krisenzeiten (wir haben bereits gesehen, dass diese zeitlich nicht immer planbar sind) vorzubereiten, eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, Prozesse zu optimieren.

Kundenperspektive

Perspektivwechsel im Lieferengpass: Was machen denn Konsument*innen, wenn sie vor der Herausforderung stehen, dass ein Präparat ihrer Wahl nicht verfügbar ist? Die Befragung unseres Healthcare Reports zeigt, dass die Mehrheit woanders sucht bzw. kauft, also in einer anderen stationären oder einer anderen Online-Apotheke.

 

Spannend ist jedoch, dass rund ein Drittel der Shopper*innen ein gleichwertiges Produkt kauft, wenn das gewünschte Produkt nicht verfügbar ist. 34,3 % sprechen sich für den Kauf eines ähnlichen oder gleichwertigen Medikaments aus.

Wir haben nachgefragt: Wie wird dieses „gleichwertige“ Produkt denn ausgewählt? Welche Faktoren sind ausschlaggebend? Rund 53 % der Befragten gaben an, dass es direkt von der Online-Apotheke bzw. der*dem Apotheker*in vor Ort vorgeschlagen wurde.

 

Das ist eine spannende Erkenntnis, denn folglich entscheidet sich direkt am Point of Sale, auf welches Alternativpräparat die Wahl der Shopper*innen fällt.

 

 

Das bedeutet am Beispiel einer Online-Apotheke: Die Darstellung von Produktempfehlungen kann die Kaufentscheidung maßgeblich beeinflussen. Wenn die Kundenansprache entsprechend gesteuert wird, kann das einen entscheidenden Erfolgsfaktor darstellen.

 

Mit anderen Worten: Gerade in Krisenzeiten kann eine nachhaltige  Kundenzentrierung einen entscheidenden Erfolgsfaktor darstellen – eine klare Chance in (oder auch trotz) Krisenzeiten für Pharmaunternehmen.

 

 

Krise oder Chance

Die aktuelle Lage der Pharmaindustrie ist eine Herausforderung.

 

Es gibt kein Entweder-oder zwischen Krise und Chance. Man kann eine Krise (und in der befindet sich die Pharmaindustrie als Ganze) nicht ausschließlich als Chance bezeichnen. Das bedeutet wiederum nicht, dass die aktuelle Lage für Unternehmen keine Chance bietet. Probleme in der Versorgungskette zu erkennen und das eigene Risikomanagement zu optimieren, ist eine Chance und eine Gelegenheit, um besser zu werden und gestärkt aus schwierigen Marktsituationen herauszugehen. Wir schließen aus diesem Grund damit ab, die aktuelle Lage der pharmazeutischen Industrie als große Herausforderung zu bezeichnen. Der Begriff impliziert sowohl die vielen Hürden und Probleme als auch die Chancen und Verbesserungspotenziale für viele Unternehmen im Markt und bildet somit treffend ab, in welcher Lage die Pharmabranche sich aktuell befindet.

Alle Artikel